Ratgeber · 22. Mai 2026

Auftragsverarbeitungsvertrag (AVV) — Checkliste für KMU

Auftragsverarbeitungsvertrag AVV Checkliste: Wann nötig, mit wem, was muss drin sein? Praxis-Tabelle und Vorlagen-Empfehlungen für KMU.

Vertragsdokument mit Stift — AVV-Vertrag nach Art. 28 DSGVO unterzeichnungsbereit

Ein fehlender AVV ist 2026 einer der häufigsten Bußgeld-Gründe in deutschen KMU. Nicht weil die Unternehmen schlampig sind, sondern weil die Frage “Brauche ich mit diesem Dienstleister einen AVV?” überraschend kompliziert sein kann. Diese Checkliste klärt in 10 Minuten, wer mit wem einen AVV abschließen muss, was drinstehen muss und welche Fallen lauern.

Was ein AVV ist und wann er greift

Ein Auftragsverarbeitungsvertrag nach Art. 28 DSGVO ist ein schriftlicher Vertrag zwischen Ihnen (Verantwortlicher) und einem Dienstleister (Auftragsverarbeiter), der personenbezogene Daten in Ihrem Auftrag verarbeitet — typisch ohne eigene Zweckbestimmung.

Faustregel: Wenn ein externer Dienstleister Zugriff auf Daten Ihrer Kunden, Mitarbeiter oder anderer Betroffener bekommt und diese in Ihrem Auftrag verarbeitet, brauchen Sie einen AVV. Auch dann, wenn der Dienstleister “nur” technische Infrastruktur stellt — Cloud-Hosting, E-Mail, Backup.

Ohne AVV droht ein Bußgeld nach Art. 83 Abs. 4 DSGVO — bis zu 10 Mio. Euro oder 2 % des Jahresumsatzes. In der Praxis liegen die verhängten Beträge bei kleinen Verstößen zwischen 3.000 und 30.000 Euro, siehe DSGVO-Bußgelder 2026.

AVV nötig: ja oder nein? Praxis-Tabelle

Dienstleister / ToolAVV nötig?Hinweis
Microsoft 365, Google WorkspaceJaStandard-AVV des Anbieters reicht meist
Mailchimp, Brevo, ActiveCampaignJaNewsletter-Daten = Auftragsverarbeitung
SteuerberaterNeinBerufliche Schweigepflicht, kein AVV nötig (eigene Verantwortlichkeit)
Lohnbüro (extern, kein StB)JaKlassische Auftragsverarbeitung
Hosting-Anbieter WebsiteJaAuch wenn nur statisches Hosting
IT-Dienstleister Vor-OrtJaSobald Fernwartungs- oder Server-Zugriff besteht
DATEV (Buchhaltung-Cloud)JaDATEV stellt Standard-AVV bereit
AnwaltskanzleiNeinWie StB — eigene Verantwortlichkeit, Schweigepflicht
Druckerei MailingsJaWenn Adressdaten weitergegeben werden
Cookie-Banner-Anbieter (Borlabs, Cookiebot)JaTracking-Daten gehen über den Anbieter
ChatGPT, Claude, andere KI-ToolsJaSobald personenbezogene Daten eingegeben werden
Versanddienstleister (DHL, DPD)NeinEigenverantwortlich, kein AVV
Cloud-Backup (Strato HiDrive, AWS)JaBackup von personenbezogenen Daten
Telefonanlagen-Provider (3CX-Cloud)JaVerbindungs- und ggf. Audiodaten
Reinigungsfirma im BüroNeinFalls keine Aktenkenntnisnahme — sonst Geheimhaltungsvereinbarung
Marketing-Agentur mit CRM-ZugriffJaKlassische Auftragsverarbeitung
SozialversicherungsträgerNeinEigene gesetzliche Aufgabe

Die Liste deckt rund 90 % der Konstellationen in einem typischen KMU ab. Sondersituationen klären Sie im Erstgespräch.

Pflicht-Inhalte eines AVV nach Art. 28 Abs. 3 DSGVO

Ein gültiger AVV muss schriftlich oder in elektronischer Form (mit nachvollziehbarer Authentifizierung) vorliegen und folgende Punkte regeln:

  • Gegenstand und Dauer der Verarbeitung
  • Art und Zweck der Verarbeitung — präzise, nicht “alles Mögliche”
  • Art der Daten und Kategorien der Betroffenen
  • Pflichten und Rechte des Verantwortlichen
  • Weisungsbindung — der Auftragsverarbeiter darf nur auf dokumentierte Weisung handeln
  • Verschwiegenheit — Mitarbeiter des Auftragsverarbeiters sind zur Vertraulichkeit verpflichtet
  • Sicherheitsmaßnahmen (TOMs) — entweder als Anlage oder mit Verweis auf konkrete Maßnahmen
  • Sub-Auftragsverarbeiter — Genehmigungsvorbehalt oder Informationspflicht
  • Unterstützung bei Betroffenenrechten — Auskunft, Löschung, Berichtigung
  • Unterstützung bei Datenpannen und Folgenabschätzungen
  • Löschung oder Rückgabe der Daten nach Vertragsende
  • Nachweise und Auditrechte — der Verantwortliche darf Kontrollen durchführen

Wer einen AVV abschließt, der einen dieser Punkte nicht enthält, hat formal keinen wirksamen AVV. Im Zweifel: lieber mit Standard-Vorlagen arbeiten als selber dichten.

Checkliste vor der Unterzeichnung

Vor jedem AVV gehören diese 8 Punkte geprüft:

  1. Identität des Auftragsverarbeiters klar? Juristische Person, Adresse, Vertretungsbefugnis stimmt?
  2. Sub-Unternehmer-Liste geliefert? Sind diese im Drittland? → siehe Drittland und SCCs
  3. TOMs sind im AVV referenziert UND als Anlage tatsächlich vorhanden?
  4. Drittland-Garantien dokumentiert? Bei US-Anbietern: ist die Firma im “Data Privacy Framework” (DPF) zertifiziert? Wenn nein, Schrems II beachten.
  5. Löschfristen nach Vertragsende konkret benannt?
  6. Auditrechte so formuliert, dass eine Vor-Ort-Prüfung praktisch möglich ist?
  7. Haftungsklauseln ausgewogen? Wer haftet bei welcher Pannenkategorie?
  8. Unterzeichner mit Vertretungsbefugnis (oder qualifizierter elektronischer Signatur)?

Häufige Fallen in der Praxis

Falle 1: Cloud-Tools werden ohne AVV eingesetzt. Ein Vertriebsmitarbeiter abonniert “schnell mal” ein neues CRM-Tool. Niemand weiß davon, niemand prüft den AVV. Drei Monate später ist das Tool fester Bestandteil — und es gibt keinen AVV. Lösung: zentrale Tool-Freigabe über die Geschäftsführung oder die Datenschutz-Koordination.

Falle 2: Standard-AVVs einfach abnicken. Microsoft, Google, AWS und Co. stellen ordentliche Standard-AVVs. Aber: Manche enthalten Klauseln zur eigenen Weiterverarbeitung für “Service-Verbesserung”, die rechtlich problematisch sind. Wer den AVV blind unterschreibt, übernimmt das Risiko.

Falle 3: KI-Tools werden vergessen. ChatGPT, Claude, Midjourney, GitHub Copilot — wer dort personenbezogene Daten eingibt (auch Mitarbeiter-Mails, Kunden-Namen), braucht einen AVV mit dem Anbieter. Mehr dazu in den Branchen-Hinweisen IT und Software.

Falle 4: AVV mit Tochterunternehmen vergessen. Wenn Sie Daten an eine eigene Tochter in Polen oder ein gemeinsames Service-Center geben, ist das auch eine Auftragsverarbeitung. Konzern-interne AVVs werden oft vergessen.

Falle 5: AVV mit dem IT-Dienstleister fehlt. Klassiker — die “Computer-Firma um die Ecke”, die seit 10 Jahren Server wartet, hat oft keinen AVV. Bei der Aufsicht ist das einer der ersten Prüfpunkte.

Vorlagen-Empfehlungen

Wer keine eigenen Vorlagen hat, kann auf etablierte Quellen zurückgreifen:

  • GDD AVV-Mustervertrag (Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherheit): solide juristische Grundlage, kostenlos für Mitglieder
  • BvD-Muster (BvD e.V.): praxisnah, regelmäßig aktualisiert
  • EU-Standard-Vertragsklauseln (SCCs) für Drittland-Konstellationen: nur in Kombination mit AVV-Korpus
  • Anbieter-Standard-AVVs (Microsoft, DATEV, Google, AWS): solide für die jeweilige Plattform

Wer mit einem externen DSB arbeitet, bekommt typischerweise eine erprobte Vorlagen-Bibliothek dazu. Bei Kowoll-Mandanten ist das im Festpreis enthalten — siehe Kostenmodelle und Leistungen.

AVV-Pflege im Alltag

Ein AVV ist kein einmaliges Dokument. Pflege-Auslöser:

  • Wechsel des Sub-Auftragsverarbeiters → Informations- oder Genehmigungspflicht
  • Änderung der TOMs (z.B. neuer Cloud-Provider beim Dienstleister) → Aktualisierung
  • Aufnahme in ein neues Drittland → neue SCC-Bewertung
  • Übernahmen / Fusionen des Dienstleisters → AVV-Status prüfen
  • Jährlicher Review im Rahmen der Rechenschaftspflicht

Die Pflege erfolgt typischerweise im Rahmen des Verarbeitungsverzeichnisses — dort wird jeder Auftragsverarbeiter mit AVV-Status geführt.

So gehen Sie konkret vor

Wenn Sie heute starten wollen:

  1. Liste der Dienstleister mit Datenzugang erstellen — IT, Cloud, Marketing, Buchhaltung, Hosting, Newsletter, KI-Tools, etc.
  2. Pro Dienstleister AVV-Status prüfen — vorhanden? Aktuell? Vollständig?
  3. Lücken schließen — fehlende AVVs anfordern, alte aktualisieren, Drittland-Bewertungen ergänzen
  4. Im VVT verlinken — jeder AVV taucht im Verarbeitungsverzeichnis als Empfänger auf
  5. Jährlicher Review im Datenschutz-Audit

Der ganze Aufbau dauert für ein typisches KMU mit 10 bis 30 Mitarbeitern 6 bis 12 Stunden — verteilt über 4 bis 6 Wochen. Mit BAFA-Förderung ist die Hälfte der externen Kosten erstattbar.

Erstgespräch buchen

Wenn Sie unsicher sind, wo Sie stehen: Thomas Kowoll macht einen kostenlosen 30-Minuten-AVV-Schnellcheck. Sie nennen drei Ihrer wichtigsten Dienstleister, wir prüfen den AVV-Status und Sie wissen sofort, wo das Risiko liegt. Anfragen unter +49 7071 770371 oder über das Kontaktformular. Die übersicht über alle Leistungen finden Sie auf der Leistungs-Seite, die konkreten Preisbeispiele auf der Seite Preisbeispiele.